24 September 2026 · Fankhauser Levin
Fluginsekten
Nachtfalter sind weit mehr als die kleinen Falter, die nachts um Lampen schwirren. In der Schweiz gibt es über 3'400 Nachtfalterarten, die sich in Aussehen und Lebensweise deutlich unterscheiden. Entgegen dem verbreiteten Bild können Nachtfalter nämlich auch auffällig bunt, gemustert und überraschend schön sein.
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Nachtfalter gehören wie die Tagfalter zur Ordnung der Schmetterlinge (Lepidoptera). Der Begriff "Nachtfalter" ist dabei keine eigene systematische Gruppe, sondern umfasst verschiedene Schmetterlingsarten, die überwiegend in der Dämmerung oder nachts aktiv sind. Allerdings gibt es auch Nachtfalter, die am Tag unterwegs sind. Auch Motten gehören zu dieser vielfältigen Gruppe.
Nachtfalter durchlaufen wie alle anderen Schmetterlinge eine vollständige Metamorphose. Aus einem Ei schlüpft eine Raupe, die zunächst vor allem frisst und wächst. Nach mehreren Häutungen verpuppt sie sich. In der Puppe findet eine vollständige Verwandlung statt, aus der schliesslich der ausgewachsene Falter entsteht.
Wenn die Falter aktiv sind, suchen sie je nach Art nach Nahrung oder einem Partner, erkunden geeignete Lebensräume oder legen ihre Eier ab. Tagsüber ziehen sich viele Arten an geschützte Orte zurück (bspw. an Baumstämme, unter Blätter oder in dichte Vegetation).
Ein auffälliges Merkmal vieler Nachtfalter sind ihre Fühler. Bei den Männchen können diese je nach Art stark gefiedert sein. Mit ihren Fühlern nehmen sie Duftstoffe wahr und können so unter anderem Weibchen aufspüren.
Auch die Färbung erfüllt eine wichtige Funktion: Viele Nachtfalter sind durch unauffällige Farben und Muster gut getarnt und dadurch auf Baumrinde oder zwischen Blättern nur schwer zu erkennen. Diese Form der Tarnung wird als Mimese bezeichnet. Andere Arten sind auffällig gefärbt und signalisieren damit beispielsweise, dass sie für Fressfeinde ungeniessbar oder giftig sind.
Vor allem in den warmen Monaten können Nachtfalter durch geöffnete Fenster und Türen ins Haus gelangen. Besonders abends und nachts spielen dabei künstliche Lichtquellen eine Rolle.
Untersuchungen zeigen, dass viele fliegende Insekten ihre Körperoberseite natürlicherweise zum helleren Himmel ausrichten (Fabian et al., 2024). Eine künstliche Lichtquelle kann diesen Orientierungsreflex beeinträchtigen, sodass die Tiere bspw. um eine Lampe kreisen oder in ihrer Nähe gefangen bleiben. Deshalb sammeln sich Nachtfalter und andere Insekten häufig an künstlichen Lichtquellen und können so in Gebäude eindringen.
Auch kleine Öffnungen und Spalten an Gebäuden können von Nachtfaltern genutzt werden, um ins Innere zu gelangen. Einmal im Gebäude angekommen, suchen sie häufig geschützte Stellen auf, an denen sie sich tagsüber zurückziehen können.
Ganz verhindern lässt sich das Eindringen von Nachtfaltern vor allem in den Sommermonaten nicht immer. Mit einigen einfachen Massnahmen lässt sich das Risiko jedoch deutlich reduzieren:
Fenster und Türen mit Insektenschutzgittern ausstatten
Bei geöffnetem Fenster das Licht ausschalten
Direktes Licht am Fenster vermeiden
Spalten und Ritzen verschliessen
Aussenbeleuchtung nur bei Bedarf einsetzen
Die Schweiz beherbergt eine grosse Vielfalt an Nachtfaltern. Im Folgenden werden einige ausgewählte Arten und ihre Besonderheiten vorgestellt.
Zimtbär (Phragmatobia fuliginosa)
Zimtbären haben eine besondere Verteidigungsstrategie gegen Fledermäuse. Sie können deren Ultraschallrufe wahrnehmen und als Reaktion selbst Ultraschall-Klicks erzeugen. Diese Signale können Fledermäuse bei der Jagd beeinflussen und möglicherweise als Warnung oder auch als Störung ihrer Echoortung dienen.
Mittlerer Weinschwärmer (Deilephila elpenor)
Der Falter fällt bereits durch seine auffällige olivgrüne und rosafarbene Färbung auf. Noch spannender ist jedoch seine Raupe: Bei Gefahr zieht sie den Kopf ein und bläht den vorderen Körperbereich auf. Dadurch werden ihre grossen Augenflecken sichtbar und sie wirkt wie eine kleine Schlange, was Fressfeinde abschrecken soll.
Mondvogel (Phalera bucephala)
Der Mondvogel ist ein Meister der Tarnung. In Ruhestellung legt er seine silbergrauen Flügel eng um den Körper. Die ockergelbe Färbung an Kopf und Flügelspitzen lässt ihn dabei wie eine abgebrochene Stelle an einem Ast aussehen.
Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum)
Das Taubenschwänzchen ist ein ungewöhnlicher Nachtfalter, denn es ist vor allem tagsüber aktiv. Mit seinem schnellen Schwirrflug kann es wie ein Kolibri vor Blüten in der Luft stehen und sogar rückwärts fliegen.
Die meisten Nachtfalter sind für Menschen und Gebäude völlig harmlos. Ein einzelner Nachtfalter, der durch ein geöffnetes Fenster ins Haus gelangt, stellt normalerweise kein Problem dar.
Einige wenige Arten können jedoch für Menschen, Tiere, Pflanzen oder Materialien problematisch sein. Ein bekanntes Beispiel ist der Eichenprozessionsspinner. Seine Raupen besitzen feine Brennhaare, die Haut und Atemwege reizen und bei Kontakt gesundheitliche Beschwerden auslösen können.
Andere Nachtfalter können als Vorrats- oder Materialschädlinge auftreten. Dazu gehören bspw. verschiedene Lebensmittelmotten sowie Kleidermotten und Pelzmotten. Die Larven von Lebensmittelmotten befallen verschiedene Vorräte. Die Larven von Kleider- und Pelzmotten ernähren sich dagegen von tierischen Materialien wie Wolle, Haaren oder Federn und können dadurch Textilien beschädigen. Auch Wachsmotten können Schäden verursachen: Ihre Larven befallen insbesondere Bienenwaben.
Bei solchen Arten sind nicht die ausgewachsenen Falter das eigentliche Problem, sondern die Raupen. Ob ein Nachtfalter schädlich ist, hängt deshalb stark von der jeweiligen Art und ihrem Lebensraum ab.
Viele Nachtfalter tragen zudem zur Bestäubung von Pflanzen bei. Auf der Suche nach Nahrung besuchen sie verschiedene Blüten und können dabei Blütenstaub von einer Pflanze zur nächsten übertragen. Besonders Pflanzen, die ihre Blüten erst am Abend oder in der Nacht öffnen, profitieren von nachtaktiven Bestäubern.
Nachtfalter sind damit ein wichtiger Bestandteil natürlicher Lebensgemeinschaften und tragen zur biologischen Vielfalt bei.